Scibby-dibby-Scotland! Ein Nachruf
Posted by Ali Kurtze on November 14th, 2006Als ich zum ersten Mal aus dem Bullauge des Billigliners die schottischen Landschaften sah (1.11.05), überströmte mich ein Gefühl der Geschichtsseeligkeit. Schon aus 1000m Höhe (unterhalb der dicken Wolkendecke) konnte man Tradition und Schottenstolz spüren. Die Häuser, würdig und grau, die Straßen, kurvig und - ach ja, Linksverkehr. Nun, Schottland ist Großbritannien.

Auf dem Weg zur Passkontrolle waren blau und weiß dominierend, nicht bayrisch karoisiert, sondern weißkreuzig auf blauem Grund, dazu Poster mit modernen, biertrinkenden und traditionellen dudelpfeifenden Schotten. Hier stoßen Tradition und Moderne gemeinsam an und sich nicht ab, sollte das wohl heißen.

Der Flughafenbus hatte Schottenmustersitze, Abhandlungen über “Corporate Identity” kamen mir in den Sinn, da kann kein Land mithalten, nicht mal die Sowjetunion. Vorbei an vielen “Welcome to Scotland”-Schildern fuhren wir in die Stadt, niedrige, leicht schiefe Häuser mit brüllenden Ladenschildern neben plötzlichen, schlossartigen Anwesen, aus denen Schulkinder zu ihren wartenden Müttern liefen.

Und dann sah ich das Edinburgh-Castle. Ein Festungsbastion, aufgeflanscht auf einem gigantischen, völlig unerwarteten Felsbrocken mitten im Häusermeer der Stadt. Dass dieser Felsbrocken die abgesprengte Spize eines nicht unweit entfernten Vulkans sei und in dem jahrhundertelang Menschen in schmalen, flachen Gängen hausten und angeblich Hitler nach seinem “Endsieg” daraus sein Superhauptquartier machen wollte, war … vorstellbar. Willkommen im spätmodernen Mittelalter, willkommen im 3. Jahrtausend!

Die Akklimatisierung dauerte etwas, frische Luft macht Müde, also schlief ich mir die erste Woche fast die Seele aus dem Leib. Dann gings mit einem frischgekauften Mountainbike auf Entdeckungstour. Vom besagten Vulkanrudiment “Arthurs Seat” über sämtliche andere Berge der Stadt, zwischen Holpergassen bis zum Strand und quer durch das trainspottingsche Leith führten meine Expeditionen. Natürlich lagen auch touristisch erschlossene Reservate auf der Route, zumal teilweise wirklich beeindruckend sehenswert.
Dann kam der Winter. 600 km nördlicher als Berlin merkt man auch, wenn man sonst nicht viel über Zeit nachdenkt. Zwar wachte ich im Hellen auf, aber zum Ende des Frühstücks war die Sonne schon wieder im Bett. Da Edinburgh by Night aber ganz und gar nicht schläft, sondern erst richtig zum Leben erwacht, sollten die langen Nächte nicht zu lange werden.
Das Nachtleben in Edinburgh unterscheidet sich nicht sehr vom übrigen Königreich: volle Pubs - rauchfrei! -, spärlich bekleidete Hühner in Hackenschuhen - bauchfrei! - und die üblichen binge-drinking und Pizzaflecken verteilenden Stag-Do-Lads - hirnverbrannt - zwischen all den schwarzen Taxis und grimmig dreinblickenden Türstehern.
Am Tage kämpft man im Kopf meist mit dem, was man um die Ohren bekommt - und Schottisch ist nicht nur ein Dialekt, sondern unzählig viele. Schon allein das Wort “Aye” zerbrach mir den Kopf, nie hätte ich gedacht, nochmal so ein simples Wort wie “Ja” bewußt lernen zu müssen - in einer Sprache, die ich bei Bewerbungen stets mit “flüssig” abhakte. Die ersten Monate waren auch wirklich schwer. Meine Mitbewohner rekrutierten sich hauptsächlich aus Polen, die kaum 10 Wörter Englisch beherrschten aber in illegalen Geschäften ganz groß mitmischten. Ich machte mir nix draus, lud amerikanische und englische Serien aus dem Netz (legal!) und konnte mir dank dem muttersprachlichen Englisch meiner Freundin Rose nach und nach die wichtigsten englischen Sprachblüt… äh Konstruktionen (halbwegs) aneignen.

Der eigentliche (English-)Boost kam dann im April. Ich hatte schon fast die Hoffnung aufgegeben, je für eine nicht-deutsche Agentur freelancen zu dürfen, da klingelte die Email und der erste Auftrag war da - und zwar vor Ort. Herzklopfen, Schweißausbruch, Vorstellungsgespräch. “Mutig ist der, dem alles egal ist.” sagte ich mir und begann meinen ersten Arbeitstag im schnuckeligen Keller eines Hinterhauses bei der Agentur “Line Digital”. Zwo Schotten und zwei Engländer. Perfekt, um wenigstens die Hälfte zu verstehen. Richtig ackern, kaum weniger als 10 Stunden im Büro, Schottland arbeitet immer etwas härter als England und will auch immer etwas besser sein.

Der Sommer kam dank Boost und Climate Change dann noch schneller, die Kolllegen jauchzten über 21 Grad Celsius und ich erklärte ihnen die Berliner Luft bei 35 Grad. Die Sonne schien häufiger als erhofft und so ließen sich auch gedehnte Motorradausflüge hinlegen. Leider schaffte ich es nicht, das schottische Nordkap auf zwei Rädern, geschweige denn überhaupt zu erreichen, was wohl neben der vielen Arbeit auch an einer gewissen Planungsverdrossenheit meinerseits lag. Aber die Lowlands stehen visuell den Highlands nicht im geringsten nach, Ehrenwort!

Und so rauschte das Jahr an mir vorüber, zwischen Royal Mile, den Meadows, in Clubs und Bars, auf Hügeln, Bergen und am Meer - so ein Gesamtprogramm bekommt man in keinem Reisebüro der Welt. Und dabei ist Edinburgh ja eher gemütlich als hektisch. Auch wenn die Straßen chronisch überfüllt sind. Im Kopf jedenfalls hat es viele Verstopfungen gelöst - nicht nur die gute Luft ist ein Kur!
Der nächste Abschnitt des komisch-durchnittlichen Dokumentar-Schockers “Mein Leben” handelt dann in London, der Blog ist in Arbeit.
Aye, aye and bye, bye, Sco’land! I love you!

